Was ist deine Baustelle? Seminar und Lesung am 10. Juli

Der Sommer ist zurück, und mit ihm auch das Schwalbennest, der Kulturverein, der auf unserem Hof wohnt!

Hier ist der Infotext zur Veranstaltung am 10. Juli:

Im letzten Jahr haben wir nicht nur unsere Leidenschaft fürs Handwerken, sondern auch unsere eigenen, inneren Baustellen entdeckt. Wir bieten die Möglichkeit, an einem Nachmittag an beidem zu arbeiten: im Workshop lernen wir, ganz konkret eine Fachwerkwand mit Lehm zu verputzen. Im zweiten Teil geht es dann mit Psychologe Jan Rose und Archäologin Kerstin Kühne in die Tiefe und wir bauen an uns selbst. Der Spaß am Ausprobieren steht dabei den ganzen Nachmittag im Vordergrund. Am Abend liest Virginia Brunn Auszüge aus ihrem Romanprojekt. 

Die Teilnehmerzahl für den Workshop ist begrenzt, zur Lesung öffnen wir den Hinterhof für ein größeres Publikum und laden zu Rotwein und Quiche.

Es gibt noch ein paar freie Plätze – wir würden uns sehr freuen, wenn ihr vorbeikommt! Zur Lesung könnt ihr auch ohne Voranmeldung vorbeischauen – zumindest bis die dann erlaubte Zahl von Menschen erreicht ist.

Anmeldungen: baustelle@schwalbennest-ev.de

Zimmer frei!

Man könnte ja meinen, wir seien eine Kommune, da wir uns mit vielen linken Themen beschäftigen und dabei eine Hausgemeinschaft mit Selbstversorgerpotential sind. Wir haben aber keinen programmatischen Überbau, jeder von uns ist frei, sich auf eine beliebige Partei einzulassen, Yoga oder Gymnastik zu machen, an Jesus oder Wiedergeburt zu glauben, polyamor oder monogam zu leben. Das macht das Ganze für mich so attraktiv, wir sind eine Gemeinschaft. Wir leben zusammen, sind aber keinen Dogmen ausgesetzt – außer unseren eigenen. Das zum Verständnis. Was genau macht uns dann eigentlich aus? Weswegen sollte eigentlich jeder von euch hierher ziehen? 😉 Ich glaube, es ist unsere Sehnsucht danach in einer Gruppe zu leben und so verschiedenen Einflüssen ausgesetzt zu sein und es ist unsere Ausprobierfreude. Bei uns ist alles Programm, worauf wir gemeinsam Lust haben. Natürlich bewegen wir uns alle von vornherein in einem alternativen Themenfeld, sind interessiert an Umweltschutz, sind Tierfreunde und probieren auch mal sechs Wochen lang aus plastikfrei zu leben. Aber wir bleiben dabei flexibel, wir tauschen uns darüber aus, was geht und was nicht geht. Verurteilen uns nicht für Ausnahmen. 

Jan und Kerstin haben sich irgendwann dafür entschieden, dass sie ein Zusammenleben in Zweierkonstellation irgendwie nicht ausgewogen finden, ein paar Mitbewohner_innen mussten her. Ich halte das für einen sehr spannenden Lebensentwurf. Das Zwischenmenschliche ist nicht in einem Doppelpack eingeschlossen, sondern lässt sich im Umfeld von drei oder mehr Menschen verhandeln. Es wird entzerrt. Jan sagt: „Ich finde nur zu zweit zusammenzuleben für mich richtig unattraktiv.“ Wenn die Küche nicht aufgeräumt ist, verhandeln Paare das auch immer als Beziehungskonflikt. In einer WG sei nicht alles beziehungsintern. „Du hast wieder deine Wäsche liegen lassen, ich glaube, du liebst mich nicht mehr“, dieser Ansatz wird bei uns selten als Instrument verwendet, sagt Kerstin.

Kerstin meint zudem: „Es hat auch wirtschaftliche Gründe.“ Für uns alle ist es deutlich angenehm, dass wir unsere Ressourcen teilen. Wir kaufen gemeinsam ein, es gibt immer genug zu Essen im Haus. Das Haus kann vor allem so aufrecht erhalten werden, weil wir alle gemeinsam mithelfen und es durch Lohn oder Miete mitfinanzieren. Schon in einer sehr alten Schrift steht geschrieben – ich bin hier die Christin im Haus, deswegen darf ich das schreiben – es ist genug für alle da, wenn man nur teilt. Obwohl unser aller Verhältnisse bescheiden sind, leben wir gemeinsam ein gutes Leben. 

Auch für unsere Tiere, Hühner und Katzen, ist das Zusammenleben ein Vorteil, sie sind immer versorgt, auch wenn mal jemand in den Urlaub fährt. Und Jan sagt: „Wir hätten ein Eierproblem, wenn Kerstin und ich nur zu zweit wären.“ Was er damit meint: Sie wüssten nicht wohin mit der großen Anzahl. 
Wir haben tatsächlich gerade zwei Zimmerchen ausgeschrieben, die auf neue Mitbewohner warten. Vielleicht fühlt der ein oder andere sich angesprochen und möchte gerne mit Kerstin, Jan, Katalin, Momo, Una, Piri, den Hühnern und mir zusammenwohnen. Wer weiß…

Ergebnisse des Plastikfrei-Versuchs

Jan sitzt in der Küche und beißt in eine Gurke. In der anderen Hand hält er ein Stück Parmesan.
Jan nimmt eine plastikfreie Zwischenmahlzeit ein.

So, geschafft, die Fastenzeit ist vorbei. Teilweise hat es ganz gut geklappt mit dem plastikfreien Einkauf, teilweise war es etwas schwieriger. Hier ein paar Ergebnisse:

Reduktion der Menge an Plastikmüll: Das hat funktioniert. Normalerweise haben wir in der Zeitspanne zwischen zwei Abholterminen drei gelbe Säcke mit „Recycling“-Abfällen produziert. Diese Menge ist jetzt auf einen gelben Sack gesunken. Allerdings nicht sofort, sondern erst jetzt, nach sieben Wochen also. Das lag einfach daran, dass in unseren Vorratsbeständen noch ziemlich viele Plastikverpackungen enthalten waren.

Veränderte Einkaufsgewohnheiten: Wir haben mehr in kleineren Geschäften eingekauft als sonst. (Bioladen, ein italienischer Feinkostladen, den es überraschenderweise in Bad Salzdetfurth gibt und in den ich mich sonst nicht reingetraut hätte, Bäckereien). Die Bäcker spielten nicht nur wegen Brot und Brötchen eine Rolle, sondern auch, weil wir regenbogenbunt verpackte Fesazus durch Gebäck zum Nachmittagskaffe ersetzt haben. Nicht unbedingt gesünder, fürchte ich, hat aber mehr Stil.

Verändertes Essverhalten: Auch hier hat sich tatsächlich was getan: Weniger Süßigkeiten, fast zwei Monate lang gar keine Chips (!), weniger Fertiggerichte. Allerdings haben wir uns sehr über die TK-Erbsenburger und Gemüsestäbchen gefreut, die in einer reinen Pappverpackung im Kühlregal lagen. Wirklich nicht unwichtig: Üblicherweise verursacht eine Grillparty mit Fleischersatzprodukten und vielen Leuten schon ganz alleine einen viertel gelben Sack an Plastikmüll. Schon toll, wenn das ohne geht.

Überraschungen: Die Unternehmen, bei denen wir aktuell viel Werkzeug und Baumaterial und überhaupt Gerümpel bestellen, verpacken sehr unterschiedlich. Teilweise Altpapier, teilweise gar keine unnötige Verpackung, teilweise sogar Pfand-Versandkiste (!). Aber ich habe auch einen wirklich robusten Werkzeugkasten aus Stahl in einer zusätzlichen Plastikfolie geliefert bekommen. Da war mir nicht ganz klar, wovor die Plastikfolie den Stahl im Pappkarton schützen sollte.

Geklärte Fragen: Wirsingkohl ist Lagergemüse (Sólja sagt, man kann ihn in den Keller werfen und ein halbes Jahr liegen lassen, da passiert nix), Salat ein sogenanntes Frischgemüse, also von Natur aus viel, viel weniger haltbar. Daran ändert die Plastikfolie um den Salat allerdings wahrscheinlich auch nichts.

Weiterhin offene Fragen: Tofu, Toilettenpapier, Müsli* und Nudeln sind noch nicht abschließend geklärt.

Fazit: Unser Experiment hat erwartungsgemäß zusätzliche Kosten und zusätzlichen Aufwand verursacht. Der erwünschte Effekt (Reduktion der Menge an Plastikabfall) hat sich eingestellt, was aber länger gedauert hat als wir dachten. Eine Mengenangabe können wir nicht wirklich machen, weil auch Konservendosen aus Metall im gelben Sack gelandet sind (Katzenfutter!). Wir haben ein bisschen gesünder gegessen als sonst, obwohl das gar kein Ziel des Versuchs war. Wir haben uns vorgenommen, einige Dinge beizubehalten (Milch und Joghurt in Pfand, Käse von der Käsetheke), mal sehen inwieweit das klappt mit dem Verfestigen von neuen Gewohnheiten. Und vielleicht kann ich im Alltag ja sogar die Finger von den Chips lassen.

*An dieser Stelle möchte sich Kerstin gerne bei ihren Mitbewohner*innen bedanken, die sich Sorgen gemacht haben, dass es Müsli nur in Plastik gibt und Kerstin dann verhungert und dann bei jeder sich bietenden Gelegenheit Müsli in Papiertüte gekauft haben, so dass der Müslivorrat jetzt eine ganze Weile reicht.**

** Und an derselben Stelle hat Jan sich darüber gewundert, dass „Müsli“ gegendert war, aber das Sternchen diente zur Kennzeichnung der Fußnote.

Tapeten-Archäologie

Wegen der Pandemie passiert bei uns im Moment nicht viel – oder naja, irgendwie doch, dank kleiner Katzen und Schnee auf dem Dachboden, aber wir haben im Moment keine bett und bike-Gäste, und in nächster Zeit auch keine Veranstaltungen, und da bleibt mehr Zeit, sich um das Haus zu kümmern.

Deswegen haben wir im Dezember angefangen, den Hausflur zu renovieren. Ich hatte Lust, mal wieder ein größeres Projekt im Haus anzufangen, nachdem es mir eine Weile gereicht hatte, kleinere Reparaturen vorzunehmen und in der Werkstatt herumzupuddeln. Und natürlich, wie das so ist im Altbau, wird die Baustelle auch immer größer je mehr man aufmacht.

Im Untergeschoss haben wir eine ganze Weile erst einmal alte Tapeten von den Wänden gezogen: unter der beigen Fliestapete, die sich schön leicht in großen Bahnen von der Wand reißen ließ, kamen dann verschiedene archäologische Tapetenschichten von 1880 bis 1950, meist weniger benutzer*innenfreundlich…

Besonders eine dünne Lage hellgrüner Tapete mit gemalten roten und grünen Bordüren lässt sich nur in zentimetergroßen Stücken vom darunter liegenden Lehm trennen – und ist auch besonders großflächig erhalten, vermutlich, weil sie früher auch schon niemand von der Wand bekommen hat. Wir haben allerdings den Ehrgeiz entwickelt, sie abzubekommen. Darunter liegen nämlich die Wandbemalungen aus der Entstehungszeit des Hauses.

Hier sieht man die festeste Tapete der Welt, unsere Bemühungen, an ihr zu nagen, und links unten eine Schablonenmalerei aus der Entstehungszeit des Hauses.

Der dröge beige Flur mit hellbrauner Täfelung war mal ganz bunt! Großflächig findet sich eine Marmorierung in Grün- und Blautönen, und die einzelnen Felder zwischen und über den Türen sind rot und blau umrahmt und in den Ecken mit hübschen Schablonen-Vignetten versehen.

Hier sind Reste der großflächigen „Marmorierung“ zu sehen.
Nur noch wenige Wochen Tapete pulen, dann liegt der Drache frei. Argh.

Und über den Türen zur „Guten“ und „Kleinen Stube“ findet sich je ein reizendes kleines Fabeltier: zwei Drachen, die den Blick aufmerksam auf die Haustür richten.

Das alles ist mehr oder weniger gut erhalten – Teile sind abgebröckelt oder übergegipst. Eine große Hilfe war ein Termin mit einem freundlichen Malermeister vom Baukulturdienst Weser-Leine, der erklären konnte, dass die Malereien für die Zeit typisch und eher städtisch sind, vermutlich vom lokalen Maler ausgeführt, und , in diesem Fall, mit Ölfarben, so dass ein bisschen Feuchtigkeit oder Dampf zum Abnehmen von Tapete und Gips nicht schadet.

Wenn alles so klappt wie geplant, möchten wir gerne ein paar hübsche Teile der Wandbemalung frei lassen. Der Rest wird neu verputzt, im Obergeschoss eventuell auch tapeziert: dort haben wir es aufgegeben, die grüne Tapete von der Wand zu bekommen.

Katze des Monats

Wir hatten mal Marie Diot zu Besuch, und bei der Hausführung hat sie erzählt, dass sie gedacht hat, unsere „Katze des Monats“ wäre jedes Mal eine andere Katze (so wie bei „Mitarbeiter des Monats“) und hat sich gewundert, dass sie sich alle so ähnlich sehen. Dabei war einfach immer Piri „Katze des Monats“! Das hatte sie sich aber auch verdient.

Jetzt muss sie sich diesen Titel allerdings mit Momo und Una teilen.

7 Wochen (fast) ohne Plastik*

*Artikel enthält nicht bezahlte Werbung für Produkte oder Anbieter, die wir gut finden, weil sie ohne Plastikverpackung auskommen

Dieses Jahr haben wir uns für die Fastenzeit gemeinsam etwas vorgenommen: Wir versuchen, nur Sachen ohne Plastikverpackungen einzukaufen. Jetzt aber mal wirklich!

Insgesamt kaufen wir natürlich schon ein bisschen umweltbewusst ein – das dachten wir jedenfalls. Nun fiel aber schon beim ersten Fasten-Wocheneinkauf auf, dass eigentlich alles in Plastik verpackt ist. Ganz besonders Sachen, die wir gerne essen. Da kam dann schnell die erste Diskussion auf: Wie sieht´s aus, wenn es etwas nicht ohne Plastikverpackung gibt? Und wenn wir es wirklich total dringend brauchen? Also, Schokoriegel und Chips zum Beispiel, oder Käse, oder die Zutaten für ein leckeres Dessert? Ergebnis: Entwicklung findet außerhalb der Komfortzone statt, und wir nehmen unseren Versuch ernst. Das heißt: Eventuell noch mal woanders gucken, nachfragen, sich überlegen, ob wir verzichten können. Bei Verstößen gegen die Plastikfrei-Richtlinie muss niemand mit körperlicher Züchtigung rechnen, das Ganze ist schließlich ein Lernprozess. Im Folgenden ein paar Zwischenergebnisse.

Relativ leicht zu kriegen:

  • Toastbrot (durch Weißbrot aus der Bäckerei ersetzt)
  • Schokolade (Göttin sei Dank!)
  • Milch: gibt’s in Glasflaschen, und zwar bei Niehoff´s Hofmolkerei, bei Karin im Bioladen und auch im Supermarkt.
  • Käse: An der Käsetheke auf Nachfrage ohne Plastikfolie, und ebenfalls auf dem Hof bei Niehoff. Mindestabnahme 1 kg, aber da sehe ich kein Problem.
  • Mehl und Zucker – Mehl ist immer in Papier, bei Zucker gibt´s beides. Blöd: Bio-Rohrzucker ist eher in Plastik als in Papier verpackt.
  • Wirsingkohl. Immer plastikfrei!

Schwer zu bekommen:

  • Salat. Den brauchen wir, um Hühner, Kaninchen und Katalin bei Laune zu halten, darum ist Verzicht keine Option. Kein Witz,wir mussten drei Läden abklappern, bis einer seinen Salat zumindest unverpackt in der Auslage hatte.
  • exotische Milchprodukte wie z.B. Buttermilch, die sind irgendwie immer in Plastik
  • Toilettenpapier. Gibt’s zwar ohne, ist aber unglaublich viel teurer. Aktuell haben wir uns nach längerer Recherche und Diskussion für Papier von Goldeimer entschieden, das ist auch in Plastik, fördert aber Toiletten in WC-mäßig unterversorgten Regionen. Es gibt wohl auch welches, bei dem die Verpackung einen hohen Anteil an Recycling-Plastik hat. Ja, die Idee mit dem Weiterverwenden der Zeitung hatten wir auch schon. Nein, wir konnten uns noch nicht dazu durchringen.
  • vegetarischer Fleischersatz. Tofu im Pfandglas scheint noch ein ziemliches Nischenprodukt zu sein. Im lokalen Handel haben wir nichts gefunden, eine orientierende Internetrecherche lässt allerdings hoffen.
  • Müsli. Schon machbar, aber wir müssen entweder im Internet bestellen oder nach Hildesheim zum Unverpackt-Laden fahren. Wenn nicht sowieso ein Termin in der Stadt ansteht, ist das natürlich ökologisch ziemlicher Quatsch.
  • Schokoriegel. Ganz viel von den Sachen, die ich sonst gern mal spontan mitnehme, sind in bunten Plastikverpackungen. Ob es da wohl einen Zusammenhang gibt? Wir backen im Moment ziemlich viel Kuchen.

Merkwürdig:

  • Wirsingkohl ist nie in Plastik verpackt, wirklich niemals, Eisbergsalat praktisch immer. Dabei sehen die fast gleich aus und sind vermutlich auch ungefähr gleich haltbar. Falls jemand mit Kenntnissen im Lebensmittel-Einzelhandel diesen Artikel liest, freuen wir uns über eine Erklärung. Oder ist das einfach so ein kulturelles Ding?
Katalin ist heldinnenhaft extra zur Molkerei geradelt, um Milch und Käse ohne Plastik zu besorgen.

Nachtrag: Gerade hat Gini die Frage aufgeworfen, ob es eigentlich Kondome ohne Plastikverpackung gibt. Tja.

Der unwahrscheinlichste Fall ist eingetreten

Die Dachziegel seien dicht, sagte einst der Dachdecker. Nur in einem speziellen Fall könne er für nichts garantieren. Vor einigen Tagen hat nun ein Blizzard stürmisch und zielgerichtet ganz feinen Schnee unter die Dachziegelfugen gefegt. Der unwahrscheinlichste Fall ist eingetreten. Unser Dachboden wurde eingeschneit und wir mussten das erste Mal auf dem Boden Schneeschippen. Mit Schaufel und Besen wurden die Überbleibsel alter Umzüge (Dinge, die man sicher nie wieder benutzt) von dem weißen Pulver befreit. Schneeverwehungen wurden den alten Getreideaufzug in die Durchfahrt hinunter geschaufelt. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Was wird aus der Nässe gerettet und wirklich noch benutzt und was wird einfach in seiner Pfütze stehen gelassen? Besser noch – hier trennte sich die Spreu vom Weizen. Und hier ist Blut auch dicker als Wasser.

Leicht erklärt in einer Kurzausführung – der Corona-Lockdown brachte uns dazu, eine Liste mit Dingen zu sammeln, die wir tun könnten, wenn uns der Corona-Koller packt. Da standen so schöne Sachen drauf wie Cocktails mixen, eine Sauna bauen, eine Diskonacht im Schweinestall veranstalten (natürlich nur zu viert) oder Gedichte schreiben. Nicht vieles von unseren Ideen ist zustande gekommen. Mit „Babykatzen adoptieren“ waren wir zugegeben auch ausreichend beschäftigt.

Zwei kleine Knäuel bespielten seit ungewisser Zeit einen Hof im Nachbardorf und hatten unsere Aufmerksamkeit geweckt. Ein blindes und ein einäugiges Knäuel. Wir spazierten hin und sahen uns das sehschwache Pärchen an. Es wurde nicht lange gefackelt und beide Kätzchen eingepackt. Seither heitern Una und Momo unsere Lage auf und machen unser Leben recht abwechslungsreich, wenn beide „pfeffer den Blumentopf runter“ spielen oder sich ein neues Katzenklo unterm Bett bauen. Auch mit nur einem Auge bei zwei Katzen lässt sich die Einrichtung nach Jux und Dollerei verändern.

Wir selbst sind gerade dabei den Flur zu renovieren, neue Elektrik und neuer Putz sollen es werden. Zudem wird die Täfelung in einem schönen Grünton gestrichen. Neue Einrichtungsgegenstände werden ausgesucht, sich um Tapetenmuster gestritten und neue Lampen werden aus dem Lampenlager geangelt.

Dafür stiegen wir kürzlich auf den Dachboden und vergaßen, die Tür zu schließen. „Nice“, dachte sich Una, was übrigens Eins bedeutet, und trappelte heimlich die Treppe hoch. Irgendwo verschwand der schwarzgescheckte Körper hinter Lehm, Holz und Ziegeln in einer Hohlwand und fing über kurz oder lang an, laut zu maunzen. Es wurde mal leiser mal lauter, bis wir uns schon ausmalten, wir müssten die Feuerwehr rufen und diese ihrerseits die Wand aufbrechen oder mit Wasser fluten. Jedenfalls kam sie nicht hervor und wir vermuteten, dass sie feststeckte. Apropos Feuerwehr, mir kam nach einiger Grübelei eine zündende Idee. Wenn man Momo in einem geschlossenen Körbchen auf den Dachboden stellen würde, würde sie irgendwann anfangen zu maunzen. Und vielleicht würde das ihre Schwester wieder ans Tageslicht befördern und unsere Vermutung widerlegen. Nun es ist schnell gesagt, war aber mit einer langen Wartezeit verbunden: Momo maunzte so laut, dass Una ihr Versteckt verließ, um ihrer Schwester zu Hilfe zu eilen. Sie kletterte durch die Lehm- und Kuhmisthohlwand trennte dabei die Spreu vom Weizen und bewies, Blut ist eben dicker als Wasser.

Flausch und Federchen

Auf ihre Ankunft zu warten war anders als darauf zu warten, dass einer aus vielen Welpen dich aussucht, weil er schlotzend deine Finger liebkost, es war anders als ein quiekendes Kätzchen aus einem mauzenden Haufen zu heben und zu wissen, das ist jetzt mein Neuzugang. Wir warteten ganz genau 21 Tage auf unsere Küken: sieben Eier, die auf 38 Grad erhitzt, unter Erics fluffigem Hühnerkörper im Heu vor sich hingewendet wurden.

Heu- und Hühnerwärme für sieben Eier.

Drei Eier hatten wir Eric von Nachbars Hühnern untergejubelt, vier Eier waren ein Mix aus dem weißen Hahn Ifirn und fünf verschieden farbigen Hennen und aus Hahn Castor und Henne Atalante. Wenn sie bereit sind zum Brüten, suchen sich Hennen ihr Lieblingsnest und setzen sich auf die Eier, die dann eben im Heu liegen. Die ein oder andere Henne hat bestimmt schon mal eine Taube ausgebrütet, es ist nie sicher, was sich nach der Wartezeit aus dem Ei pellt. Am 19. Mai knackte es das erste Mal: Ein sehr gelbes Küken mit einem schlanken Körperchen piepste uns an. Und dann lange nichts. Jede Stunde spähte einer von uns ins Nest, um ein zweites Küken auszurufen, aber nein.

Ei-ns.

Am 20. Mai starrten wir das Legenest an, als könnten wir mit unseren Blicken Eier knacken. Nichts. Auch am 21. Mai versuchten wir uns in Telekinese. Würden wir ein Küken Luke nennen, würde es wohl auch nie erfahren, wer sein Vater ist, oder erst spät im Jahr. Wir liebäugelten mit dem Namen Hahnsolo, stritten uns über Hahnrich von Kleist und einigten uns schließlich darauf, ein Küken Wilma zu nennen. Und kurz darauf rief es aus dem Hof: „Ein Zweites!“ Ein nasser gelber Ball lag im Heu und konnte sich kaum aufrichten. Als es langsam trocknete stellte sich am Köpfchen ein Backenbart auf und ließ Ähnlichkeiten mit Chewie zu. Wir warteten wieder. Und auch Eric wartete weiter auf ihren Eiern, noch drei an der Zahl. Zwei hatte sie schon vor einiger Zeit aussortiert. Aber es blieb bei den beiden Gelben. Jede Nacht schienen sie einen Entwicklungssprung zu machen, sie lernten von Eric, wie sie trinken sollten, wie ein Staubbad funktioniert, wie man sich putzt, wie man scharrt. Piepsend jagten sie Fliegen hinterher und verirrten sich jammernd im Umkreis von zwanzig Zentimetern. Da unsere Telekinese nicht funktioniert hatte, bekam das Chewie-Küken den Namen Wilma und Hahnsolo wurde Lilli getauft. Das Geschlecht lässt sich optisch nicht bestimmen, erst das Wachstum zeigt, ob ein Hahn oder eine Henne aus dem Ei kam. Erst in etwa zwei Monaten zeigt sich ob aus dem Piepsen ein Gackern oder ein Krähen wird.

Zweimal gelber Flausch.
Zutrauen gewinnen.

Es sind nun schon einige Wochen vergangen, in denen wir die beiden aus der Hand fütterten, sie zurück ins Heu setzten, wenn sie jammernd unter dem Häuschen saßen, Wochen in denen sie ihren Flausch ganz allmählich gegen Federchen tauschten. Demnächst: eine aktuelle Fotostory über Teenagerhühner und ihre täglichen Kapriolen. Sie werden einfach viel zu schnell groß.

Federtiere