Der unwahrscheinlichste Fall ist eingetreten

Die Dachziegel seien dicht, sagte einst der Dachdecker. Nur in einem speziellen Fall könne er für nichts garantieren. Vor einigen Tagen hat nun ein Blizzard stürmisch und zielgerichtet ganz feinen Schnee unter die Dachziegelfugen gefegt. Der unwahrscheinlichste Fall ist eingetreten. Unser Dachboden wurde eingeschneit und wir mussten das erste Mal auf dem Boden Schneeschippen. Mit Schaufel und Besen wurden die Überbleibsel alter Umzüge (Dinge, die man sicher nie wieder benutzt) von dem weißen Pulver befreit. Schneeverwehungen wurden den alten Getreideaufzug in die Durchfahrt hinunter geschaufelt. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Was wird aus der Nässe gerettet und wirklich noch benutzt und was wird einfach in seiner Pfütze stehen gelassen? Besser noch – hier trennte sich die Spreu vom Weizen. Und hier ist Blut auch dicker als Wasser.

Leicht erklärt in einer Kurzausführung – der Corona-Lockdown brachte uns dazu, eine Liste mit Dingen zu sammeln, die wir tun könnten, wenn uns der Corona-Koller packt. Da standen so schöne Sachen drauf wie Cocktails mixen, eine Sauna bauen, eine Diskonacht im Schweinestall veranstalten (natürlich nur zu viert) oder Gedichte schreiben. Nicht vieles von unseren Ideen ist zustande gekommen. Mit „Babykatzen adoptieren“ waren wir zugegeben auch ausreichend beschäftigt.

Zwei kleine Knäuel bespielten seit ungewisser Zeit einen Hof im Nachbardorf und hatten unsere Aufmerksamkeit geweckt. Ein blindes und ein einäugiges Knäuel. Wir spazierten hin und sahen uns das sehschwache Pärchen an. Es wurde nicht lange gefackelt und beide Kätzchen eingepackt. Seither heitern Una und Momo unsere Lage auf und machen unser Leben recht abwechslungsreich, wenn beide „pfeffer den Blumentopf runter“ spielen oder sich ein neues Katzenklo unterm Bett bauen. Auch mit nur einem Auge bei zwei Katzen lässt sich die Einrichtung nach Jux und Dollerei verändern.

Wir selbst sind gerade dabei den Flur zu renovieren, neue Elektrik und neuer Putz sollen es werden. Zudem wird die Täfelung in einem schönen Grünton gestrichen. Neue Einrichtungsgegenstände werden ausgesucht, sich um Tapetenmuster gestritten und neue Lampen werden aus dem Lampenlager geangelt.

Dafür stiegen wir kürzlich auf den Dachboden und vergaßen, die Tür zu schließen. „Nice“, dachte sich Una, was übrigens Eins bedeutet, und trappelte heimlich die Treppe hoch. Irgendwo verschwand der schwarzgescheckte Körper hinter Lehm, Holz und Ziegeln in einer Hohlwand und fing über kurz oder lang an, laut zu maunzen. Es wurde mal leiser mal lauter, bis wir uns schon ausmalten, wir müssten die Feuerwehr rufen und diese ihrerseits die Wand aufbrechen oder mit Wasser fluten. Jedenfalls kam sie nicht hervor und wir vermuteten, dass sie feststeckte. Apropos Feuerwehr, mir kam nach einiger Grübelei eine zündende Idee. Wenn man Momo in einem geschlossenen Körbchen auf den Dachboden stellen würde, würde sie irgendwann anfangen zu maunzen. Und vielleicht würde das ihre Schwester wieder ans Tageslicht befördern und unsere Vermutung widerlegen. Nun es ist schnell gesagt, war aber mit einer langen Wartezeit verbunden: Momo maunzte so laut, dass Una ihr Versteckt verließ, um ihrer Schwester zu Hilfe zu eilen. Sie kletterte durch die Lehm- und Kuhmisthohlwand trennte dabei die Spreu vom Weizen und bewies, Blut ist eben dicker als Wasser.

Flausch und Federchen

Auf ihre Ankunft zu warten war anders als darauf zu warten, dass einer aus vielen Welpen dich aussucht, weil er schlotzend deine Finger liebkost, es war anders als ein quiekendes Kätzchen aus einem mauzenden Haufen zu heben und zu wissen, das ist jetzt mein Neuzugang. Wir warteten ganz genau 21 Tage auf unsere Küken: sieben Eier, die auf 38 Grad erhitzt, unter Erics fluffigem Hühnerkörper im Heu vor sich hingewendet wurden.

Heu- und Hühnerwärme für sieben Eier.

Drei Eier hatten wir Eric von Nachbars Hühnern untergejubelt, vier Eier waren ein Mix aus dem weißen Hahn Ifirn und fünf verschieden farbigen Hennen und aus Hahn Castor und Henne Atalante. Wenn sie bereit sind zum Brüten, suchen sich Hennen ihr Lieblingsnest und setzen sich auf die Eier, die dann eben im Heu liegen. Die ein oder andere Henne hat bestimmt schon mal eine Taube ausgebrütet, es ist nie sicher, was sich nach der Wartezeit aus dem Ei pellt. Am 19. Mai knackte es das erste Mal: Ein sehr gelbes Küken mit einem schlanken Körperchen piepste uns an. Und dann lange nichts. Jede Stunde spähte einer von uns ins Nest, um ein zweites Küken auszurufen, aber nein.

Ei-ns.

Am 20. Mai starrten wir das Legenest an, als könnten wir mit unseren Blicken Eier knacken. Nichts. Auch am 21. Mai versuchten wir uns in Telekinese. Würden wir ein Küken Luke nennen, würde es wohl auch nie erfahren, wer sein Vater ist, oder erst spät im Jahr. Wir liebäugelten mit dem Namen Hahnsolo, stritten uns über Hahnrich von Kleist und einigten uns schließlich darauf, ein Küken Wilma zu nennen. Und kurz darauf rief es aus dem Hof: „Ein Zweites!“ Ein nasser gelber Ball lag im Heu und konnte sich kaum aufrichten. Als es langsam trocknete stellte sich am Köpfchen ein Backenbart auf und ließ Ähnlichkeiten mit Chewie zu. Wir warteten wieder. Und auch Eric wartete weiter auf ihren Eiern, noch drei an der Zahl. Zwei hatte sie schon vor einiger Zeit aussortiert. Aber es blieb bei den beiden Gelben. Jede Nacht schienen sie einen Entwicklungssprung zu machen, sie lernten von Eric, wie sie trinken sollten, wie ein Staubbad funktioniert, wie man sich putzt, wie man scharrt. Piepsend jagten sie Fliegen hinterher und verirrten sich jammernd im Umkreis von zwanzig Zentimetern. Da unsere Telekinese nicht funktioniert hatte, bekam das Chewie-Küken den Namen Wilma und Hahnsolo wurde Lilli getauft. Das Geschlecht lässt sich optisch nicht bestimmen, erst das Wachstum zeigt, ob ein Hahn oder eine Henne aus dem Ei kam. Erst in etwa zwei Monaten zeigt sich ob aus dem Piepsen ein Gackern oder ein Krähen wird.

Zweimal gelber Flausch.
Zutrauen gewinnen.

Es sind nun schon einige Wochen vergangen, in denen wir die beiden aus der Hand fütterten, sie zurück ins Heu setzten, wenn sie jammernd unter dem Häuschen saßen, Wochen in denen sie ihren Flausch ganz allmählich gegen Federchen tauschten. Demnächst: eine aktuelle Fotostory über Teenagerhühner und ihre täglichen Kapriolen. Sie werden einfach viel zu schnell groß.

Federtiere